• E-Mail Adresse

    Passwort  

Geschichte: Haus Seefahrt

"Zu den traditionsreichsten Festen Bremens, bei denen die Kaufleute im Vordergrund stehen, gehören die Schaffermahlzeit und die Eiswette. Zunächst hat man den Eindruck, daß sie seit Jahrhunderten nach dem gleichen Ritus ablaufen; sie waren aber doch im Laufe der Zeit einem erheblichen Wandel unterworfen." (H.Schwarzwälder 1995)

Von der Friedrich-Humbert-Straße in Grohn geht - von Vegesack kommend - kurz vor der Sportanlage Oeversberg die Seefahrtstraße ab. Sie endet schon nach zwei bis drei hundert Metern an einem Renaissance-Portal. Das Grundstück auf dem Oeversberg in Grohn befindet sich hoch über dem Ufer der Lesum. Die Geschichte des Portals samt Seefahrthäusern beginnt nicht in Grohn an sondern im Bremer Stadtkern.

Im 16. Jahrhundert dachten Bremer Schiffskapitäne und Kaufleute darüber nach, wie wohl am besten den in Not geratenen Seeleuten geholfen werden könnte. Auf die See hinauszufahren bedeutete für die hölzernen Schiffe stets ein unkalkulierbares Risiko. Es waren nicht nur die rauhen Stürme der Nordsee, die den Segelschiffen zusetzten - den Besatzungen drohten zusätzliche Gefahren durch die starke Piraterie. War es über viele Generationen hinweg üblich, daß die Kirche in Notfällen half, so gerieten die Armen und Unterstützungsbedürftigen durch die Wirren der Reformation inzwischen in Vergessenheit. Besonders unter den Seeleuten, die auf See zu Schaden gekommen waren und ihren Beruf nicht mehr ausüben konnten, kam es oftmals zu großer Not, weil man "in der Neuzeit wegen [..] Berufsgefährlichkeit Schiffer und Schiffer-Witwen von der Theilnahme an den allgemeinen Witwen-Cassen und an den Lebens-Versicherungen hie und da ausdrücklich ausgeschlossen" hat (J.G.Kohl 1862). Im Gründungsbrief vom "Haus Seefahrt", der in der aktuellen Broschüre abgedruckt ist, steht geschrieben:

"Derohalben [Deren, d.V.], auf daß der göttlichen Unehre und dem leichtfertigen Verfahren forthin möge vorgebeugt werden, so solle und wolle zunächst der Schiffer, der von hier segeln wird, auf seinem Schiffe ein göttlich christlich und ehrlich Regiment halten, und wenn etwa einer von seinen Leuten dagegen handelt, so soll der Schiffer die dabei aufgebrachten Brüche [Verbrechen und Vergehen, d.V.] bei seiner Heimkehr zu den [..] Verordneten bringen, die es in eine Kiste, welche dazu gemacht ist, niederlegen und verschließen sollen, um es zu folgendem Zwecke zu gebrauchen: Im Fall, daß etliche von den Schiffern, Kaufleuten oder vom Schiffsvolke durch Seeverlust, oder sonst in Nachtheil oder Schaden kämen, oder an Bord des Schiffes geschossen, verwundet, oder gelähmt würden, oder sonst bei Arbeiten die für das Schiff oder für die Ladung nöthig waren, sich Gebrechen und Verwundungen zuzögen, so daß sie sonst nicht mehr segeln und ihre Nahrung suchen könnten, und daher verarmen müßten, so sollten dieselben aus der oben berührten Kiste jeder nach seiner Nothdurft und Gelegenheit unterhalten und versorgt werden, damit sie nicht nöthig haben zur Verkleinerung der Schiffahrt auf der Straße zu liegen, oder vor den Türen zu betteln und um Almosen zu bitten."

Heute gilt diese Stiftung als ältester und noch bestehender Sozialfonds in Europa, denn wie vor über vierhundert Jahren lebt "Haus Seefahrt" nach wie vor von den Spenden der Freunde und Gönner und natürlich von den Beiträgen seiner Mitglieder.

Im Jahre 1561 - 16 Jahre nach ihrer Gründung - erwarb "Die arme Seefahrt" ein eigenes Haus in der Hutfilterstraße in der Bremer Altstadt, in dem auch die Kasse untergebracht und verwaltet wurde. Von da an hieß diese Stiftung "Haus Seefahrt". Zunächst verwalteten die Schiffer die Angelegenheiten der Stiftung selbst, was aber wegen der längeren Abwesenheit der Mitglieder auf See ziemlich ungünstig war. Deshalb traten seit 1561 die Schiffsreeder mit in die Verwaltung ein, und seitdem wird die Stiftung gemeinsam von Kaufleuten und Schiffern unterhalten und verwaltet. Nach dem Zweiten Weltkrieg verließ die Institution die zerstörten stadtbremischen Häuser und zog nach Grohn. Das Originalportal kam mit. "Aus Freigebigkeit von Kaufleuten und Schifferen, 1665" steht als Inschrift an diesem Portal, hinter dem der großzügig angelegte Seefahrtshof mit Pavillon heute liegt. Acht Häuser mit Zwei- und Dreizimmer-Wohnungen befinden sich auf diesem Gelände, umgeben von einem dichten Baumbestand. Im Jahre 1999 wurde eine neue Verwaltung mit einem kleinen Wappensaal im Areal des Seefahrtshofes mit Blick auf die Lesum zusätzlich erbaut. Hier hängen die Wappen der Vorsteher und der Ober-Alten (Kapitäne) von 1586 an bis heute. Leider konnten nicht alle Wappen aus der vom Krieg zerstörten Hutfilterstraße gerettet werden.

In dieser mietfreien Wohnanlage leben in 36 Wohneinheiten Ehepaare und Einzelpersonen, welche von Haus Seefahrt betreut werden. Zusätzlich werden auch außerhalb des Seefahrtshofes alleinstehend wohnende Witwen unterstützt. 



Es zählt zu guter bremischer Tradition, daß über die Spenden, die in jedem Jahr anläßlich der Schaffermahlzeit zusammenkommen, Stillschweigen geübt wird, wenn sich Kaufleute und Kapitäne aus aller Welt zu dem traditionellen Essen versammeln.

In diesem Jahr fand am 14. Februar die 470. Schaffermahlzeit statt. Gäste waren unter anderem der Bremer Bürgermeister Jens Börnsen sowie der Präsident der Deutschen Bundesbank, Herr Dr. Jens Weidmann. Die ausrichtenden kaufmännischen Schaffer waren die Herren Peter Hoffmeyer, Vorstandsvorsitzender der Nehlsen AG, Nicolas C. Helms, Geschäftsführender Gesellschafter  Melchers GmbH und Frank Jungmann, Geschäftsführender Gesellschafter  German Tanker Shipping GmbH u. Co. KG.

von Armin Seedorf
, überarbeitet von Werner Schriefer 2014

 

vege.net GmbH Kontakt | AGBs | Impressum